Reisebericht: Polen offroad
Unser Leser Dr. Günter Kuseschin hat Polen "offroad" bereist. Hier sein Bericht über Land, Leute - und selbstverständlich seine Erlebnisse abseits befestigter polnischer Straßen ...
 
11.07.2005
Gleich am Abreisetag beginnt es zu regnen und es sollten 7 Tage mehr oder weniger Dauerregen werden bei Temperaturen (je nach Höhenlage) zwischen 6 und 14 Grad. Kein guter Einstieg. Wir hatten vor, schön langsam in Südpolen von Westen bis ganz in den Osten zu fahren, aber das Wetter treibt uns rasch voran. Das Riesengebirge, das Glatzer Bergland, die Hohe Tatra – alles liegt grau in grau da, Regen und Nebel bestimmen das Bild.

Der westliche Teil Polens ist dicht besiedelt, viel Landwirtschaft, ein Dorf neben dem anderen – schöne Schlafplätze zu finden ist schwierig, meist wird es ein Platzerl neben einem Getreidefeld. Wir schlafen, kochen, essen, rasten im Auto, aber auf Dauer ist es nicht so toll, sich immer auf den 3,6 m² aufzuhalten, die der Innenraum bietet. Aber im Freien ist es doch nasser als im Auto (trotz Defender), das Tarp aufzubauen ist uns zu blöd, die Gegend ladet nicht zum Verweilen ein.

In der Kälte der Hohen Tatra besagt die Wettervorhersage, dass es noch 5 Tage so weitergehen wird – keine guten Aussichten - und erste Gedanken, schnellstens weit in ein südliches Land zu fahren, tauchen auf. Aber der Osten ruft und wir hoffen auf Wetterbesserung (gebetet haben wir nicht, weil in Polen sind die Kirchen immer so voll, dass die Leute sich sogar noch draußen vor der Kirche anstellen).

Und je weiter wir in den Osten kommen desto angenehmer wird auch die Landschaft, weniger Besiedelung und manchmal gibt es auch schon ein bisschen Sonne. Ab dem 8. Tag passt nun endlich das Wetter und es wird auch für die restlichen 3 Wochen hauptsächlich sonnig und nur leicht bewölkt sein.

Die Landschaft im Südosten von Polen ist schön aber nicht spektakulär, viel Wald (Laub- und Nadelhölzer gemischt), hügelig und dünn besiedelt. Hier wird fast ausschließlich Holzwirtschaft betrieben. Unzählige Waldwege (aufgrund des vielen Regens äußerst viel Schlamm) in allen Schwierigkeitsstufen sind zum Fahren da – aber auch einiges an Fahrverboten, die wir beachten. Aufgefallen sind uns auch einige Fahrverbote in nur eine Richtung, das heißt, man fährt einen Weg legal rein und nach 10 bis 15 km, wo man wieder auf eine größere Straße kommt, steht eine Verbotstafel in die Richtung wo man herkommt.

Mit nur einem Auto und ohne Winde müssen wir auch des öfteren umkehren und einen anderen Weg suchen. Es würde eine Menge Arbeit bedeuten, hier ein festgefahrenes Auto aus dem Schlamm zu befreien. Vorteilhaft wäre hier zumindest ein zweites Auto, wo man sich auch mehr „trauen“ kann.
Schlafplätze sind nun leicht zu finden, meist nutzen wir eine kleine Waldlichtung mit hohem, nassem Gras – eben urwüchsige Natur - schön aufbereitete Wiesen sind nicht zu finden.

Rund eine Woche treiben wir uns hier im Südosten herum. Wir kochen fast ausschließlich selbst, versorgen uns in kleinen Geschäften (Sklep) oder auch größeren Supermärkten (Super-Sam) mit den notwendigen Dingen. Es gibt alles zu kaufen, im großen und ganzen zu einem Drittel oder Viertel der Preise im Vergleich zu uns; Ausnahmen: Sprit und Bier.
Weniger schön ist die Ausnutzung der Arbeitskräfte (vorwiegend Frauen), die in den Großmärkten als Regalbetreuerinnen arbeiten und 12 Stunden am Tag vom Abladen der LKWs bis zum Auffüllen der Regale alle Arbeiten übernehmen müssen, ohne dafür ausreichend entlohnt zu werden. Besonders die Billig-Kette „Biedronka“ und auch „Kaufland“ haben etliche Verfahren anhängig, wo engagierte Angestellte versuchen, ihre Rechte durchzusetzen.
Geld kann problemlos am Bankomat (in größeren Städten) abgehoben werden. Ein paar Mal probieren wir auch einige der unzähligen Bars am Straßenrand aus, die „pierogi ruskie“ sind wirklich zu empfehlen und für 1,5 € kann man sich satt essen.

Die Nebenstraßen sind oft in einem sehr schlechten Zustand, tiefe Spurrillen im Asphalt, viele Schlaglöcher, auf kleineren Straßen sind eigentlich mehr Löcher als Asphaltdecke vorhanden. Auf jeder Schotterstraße und in jedem Gatschloch ist es schöner zu fahren als auf diesen Straßen. In unseren Augen wird auf diesen Straßen viel zu schnell gefahren; Geschwindigkeitsbegrenzungen, Überholverbote, Sperrlinien und doppelte Sperrlinien sind eigentlich nur Zierde und werden ignoriert. Und jeder muss anscheinend jeden überholen, egal in welcher Situation, Hauptsache man fährt als erster vornweg. Die Unfallzahlen in diesem Land wundern nicht mehr, auch wir wurden (unbeteiligte) Zeugen mehrerer Unfälle (auch mit Hubschraubereinsatz).
Ein entgegenkommender LKW schleudert uns einen Stein auf die Windschutzscheibe, für die Weiterfahrt reicht ein Scheibenpflaster, aber daheim ist die Scheibe zu tauschen. Einen zweiten kleinen Vorfall hatten wir noch beim Defender; das Reserverad mit der 130er Stahlfelge ist einfach zu schwer für die Hecktüre, einer der drei Bolzen (Schrauben) bricht (er ist aber auch ziemlich von Rost gezeichnet – das Auto ist 15 Monate alt!). Der Zustand einiger Straßen, die wir gefahren sind (vom Gefühl her vergleichbar mit den Wellblechpisten Nordafrikas) hat aber sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Eine Werkstatt kann das Problem in einer halben Stunde lösen und wir können beruhigt die nächsten zwei Wochen weiterfahren. Einen Reserveradhalter werden wir uns aber für die Zukunft anschaffen.

Nach 15 Tagen steht die Frage im Raum, ob wir nun nach Rumänien runter fahren oder in den Norden Polens. Wir entscheiden uns für den Norden und fahren in die Masuren. Und wie sich zeigt, war es eine gute Entscheidung; wir sind ziemlich alleine unterwegs, noch gibt es keine ausländischen Touristen, erst in den letzten Tagen merkt man, dass nun die Ferien für die Polen beginnen.

Dutzende Seen in jeglicher Größe, Wälder, Wiesen, sandige Nebenstraßen, Waldwege, schönste Plätze für uns allein zum Übernachten (Pole Namiotowe), abends entzünden wir das obligatorische Lagerfeuer, Bier und „Wässerchen“ gibt es zum Ausklang des Tages. Empfehlenswert ist die Mitnahme einer Hacke und/oder Säge, sofern diese nicht ohnehin Bestandteil eines gut ausgerüsteten Offroaders sind.

Wir leihen uns ein Doppelkajak aus, erkunden die Seen und Wasserwege. Traumhaft schön und idyllisch ist es zwischen den Bäumen, dem Schilf und den Seerosen in vollkommener Stille (außer dem angenehmen Vogelgezwitscher) im Boot dahin zu gleiten.
Am schönsten haben wir es vor allem an den kleineren Seen empfunden, hier gibt es keine Motor- und Segelboote, die am Abend anlegen. Ca. 10 Seen erkunden wir, es bleibt also noch eine Menge für weitere Urlaube, am besten mit eigenem Kajak oder Kanu.

Sprachlich haben wir uns anfangs schwer getan (wenn man die unaussprechlich aussehenden Wörter im Buch sieht), aber nach einiger Zeit können wir zumindest grüßen, Danke sagen und ein paar Worte von den Lebensmitteln (um nicht nur immer mit dem Finger darauf zu zeigen). 4 bis 5mal waren wir auch auf einem Campingplatz (ca. 5 Euro für 2 Personen mit Auto), bei den jüngeren Leuten kann man sich englisch problemlos verständigen.

Zu schnell vergeht die verbleibende Zeit und wir berechnen 2 Tage vom Norden für die Heimfahrt ein, die wir auch brauchen (ca. 1.200 km).
Für das Erkunden der Gebiete, wo man sich länger aufhält, empfiehlt sich der Kauf von Wanderkarten, die man im Buchhandel oder auch Lebensmittelgeschäft bekommt. Hier sind auch die kleinsten Sträßchen verzeichnet, die neuen Ausgaben haben alle schon GPS-Koordinatengitter.

Wir fühlten uns so sicher in dem Land wie in jedem anderen auch. Und zum Thema (Auto-)Diebstahl: Da sind wirklich viele Horrorgeschichten, die man bei uns hört und diese kann man getrost vergessen. Wir hatten eine Kasko für den Zeitraum abgeschlossen (immerhin 340 €), ich würde es nicht mehr machen.

Alles in allem haben wir ein neues Reiseland entdeckt, in das es sich lohnt, wieder hinzufahren.

Dauer: 5.6. bis 2.7.2005
Gesamtstrecke: 4.600 km
Defender 110 TD5 mit Innenschlafgelegenheit
Ausgaben für 2 Personen: 340 € für Treibstoff (Verbrauch unter 10 l), 400 € für Verpflegung und Sonstiges (inkl. Mitbringsel), 340 € für eine Vollkasko für 31 Tage (die hätten wir uns ehrlich sparen können).

 

 
 
 
 
 
 
Fotos und Text: Dr. Günter Kuseschin





 
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